Treibhausgasbilanz der Universität Freiburg im Breisgau 2017

By | 12th March 2021

Der Klimawandel ist eine der großen globalen Herausforderungen unserer Zeit. Anstatt staatliche Maßnahmen (Gebote, Verbote, ökonomische Anreize in Richtung Emissionsreduktion) abzuwarten oder sich ausschließlich auf diese zu verlassen, gibt es auf der Ebene der Organisationen (Firmen, Körperschaften, Vereine, Universitäten) Bestrebungen, selbst als Klimaschutzakteure aktiv zu werden.

In ihren Umweltleitlinien von 2020 [1] bekennt sich die Universität Freiburg zu ihrer „besondere[n] Verantwortung für den bewussten Umgang mit unseren Ressourcen und die resiliente, nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft“. Sie kündigt an, „ihren Beitrag zu Umweltschutz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit“ über das gesetzlich vorgeschriebene Mindestmaß zu leisten sowie ihre Umweltbilanz kontinuierlich zu verbessern [1]. Eine umfassende Treibhausgas (THG)-Bilanz sowie ein darauf aufbauender Klimaschutzplan liegen für die Uni Freiburg bisher nicht vor, weshalb in der Gruppe Industrial Ecology Freiburg über mehrere Jahre und Masterarbeiten hinweg ein detailliertes THG-Inventar erstellt wurde.

Um die Systematik und Vergleichbarkeit der THG-Inventarisierung der Universität Freiburg zu gewährleisten, kommt die etablierte Methodik des ‚GHG Protocol‘ zur Anwendung [2,3]. Laut GHG Protocol müssen zunächst die Grenzen der Organisation ermittelt werden. Für öffentliche Einrichtungen wie Universitäten kommt hierbei das Prinzip der betrieblichen Kontrolle zur Anwendung, nachdem THG-Emissionen aus allen Produkten, Prozessen und Dienstleistungen bilanziert werden, über deren Betreib oder Konsum die Organisation die volle betriebliche Kontrolle hat [3]. Das hat zur Folge, dass Aktivitäten anderer Organisationen, die im Arbeits- und Studienalltag als eng verzahnt mit den Aktivitäten der Uni Freiburg wahrgenommen werden, hier nicht erfasst werden. Insbesondere betrifft dies sämtliche Aktivitäten des Studierendenwerkes (SWFR), der Uniklinik sowie Teile der medizinischen Fakultät (vorklinische Einrichtungen). Innerhalb der Universität Freiburg werden alle Tätigkeiten in den Kernaufgaben Forschung, Lehre, und Wissenstransfer sowie sämtliche unterstützenden Aufgaben wie Führung, Verwaltung, Bibliothek, Rechenzentrum, Studierendenservice, Personalmanagement, Einkauf und Buchführung, Qualitätssicherung und Marketing mit einbezogen.

In einem zweiten Schritt werden die THG-Emissionen der betriebenen Prozesse sowie der konsumierten Produkte und Dienstleistungen in drei Segmente aufgeteilt [3, S.28]:

  • Sogenannte direkte Emissionen (Scope 1): THG Emissionen aus Anlagen, die unter der betrieblichen Kontrolle der Organisation stehen, z.B. eigene PKWs oder Feuerungsanlagen
  • Indirekte Emissionen, d.h. Emissionen in der Produktion von externen Energieträgern: Strom, Heißdampf, Wärme und Kälte (Scope 2).
  • Indirekte Emissionen, d.h. Emissionen in Produktion, Transport und Lagerung sonstiger von extern bezogener Produkte und Dienstleistungen: Z.B. Computerausrüstung, Laborbedarf, Büropapier, Flugreisen (Scope 3).

Bei Dienstleistungseinrichtungen wie der Universität Freiburg spielen die direkten Emissionen nur eine untergeordnete Rolle, da zu erwarten ist, dass die meisten zuordenbaren THG-Emissionen in der externen Strom- und Wärmeerzeugung (Scope 2) und den Vorketten der beschafften Produkte und Dienstleistungen (Scope 3) liegen. Insbesondere spielen scope-3-Emissionen eine wesentliche Rolle bei der Umweltberichterstattung von Universitäten, da diese Emissionsklasse die THG-Bilanzen im Dienstleistungssektor dominiert [4].

Folgende Produktgruppen und Aktivitäten wurden als wesentlich für die Organisation ‚Universität Freiburg‘ identifiziert (Tabelle 1), siehe [5] für eine detaillierte Begründung und Vergleich mit anderen Studien.

 

Tabelle 1: Für die THG-Bilanz der Universität Freiburg als relevant identifizierte Warenkategorien und Aktivitäten. Quelle: [5, Tabelle 3].

Nummer Kategorie/Aktivität Beispiel In gegenwärtige THG-Bilanz mit aufgenommen
1 Direkte Emissionen Brennstoffe, KFZ Ja
2 Strom, Wärme, und Wasser Strom von bnNETZE/Badenova Ja
3 Güter und Dienstleistungen Werkzeuge, Publikationsgebühr Ja
4 Kapitalgüter Laborgeräte Ja
5 Abfallbehandlung Gefährliche Abfälle, Gewerbeabfälle Ja
6 Dienstreisen Konferenzreisen Ja
7 Nahrungsmittel Catering (keine Mensen!) Ja
8 Studentische und

Gästereisen

Exkursionen, Anreise eingeladener Vortragsredner Nur Gästereisen, sonst keine Daten
9 Arbeitsweg Mitarbeiter*Innen Autofahrt zur Arbeit Nein (nicht unter direkter Verantwortung der Uni)
10 Bau neuer Gebäude Beispiel Uni-Neubau 2017 Ja
Miete von Gebäuden Anmieten von Gebäuden Nein (reine Mietzahlungen nicht klimarelevant)

 

Mit den Daten und Methoden aus den vorliegenden Masterarbeiten von Marcel Eichler, Benjamín Elizalde Durán und Andrew Bonneau [5,6,7] können nun die THG-Emissionen der in Tabelle 1 aufgeführten Posten ermittelt werden (Abb. 1).

Abbildung 1: Klimabilanz der Universität Freiburg im Breisgau, 2017. Version mit dem konsumierten Strommix aus Baden-Württemberg. Quelle: [5], mit Daten aus [6]. Die Abbildung wurde für den Bericht [8] neu angefertigt. GWP: Global warming potential (Erderwärmungspotenzial), quantifiziert in Kilotonnen CO2-Äquivalenten.

Die Gesamt-THG-Bilanz der Universität Freiburg für 2017 wurde auf 68 000 Tonnen CO2-Äquivalente abgeschätzt (Abb. 1). Davon entfallen ca. die Hälfte auf energiebezogene Emissionen für Strom, Dampf, Wärme und Kälte (‚Scope 2‘), und die andere Hälfte auf indirekte Emissionen in anderen Industrien durch die Herstellung von (Bau-)Materialien, Maschinen, Geräten, Möbeln, Chemikalien, Verbrauchsmaterialien etc. sowie Abfallbehandlung und Transportdienstleistungen (‚Scope 3‘). Direkte Emissionen durch die Verbrennung fossiler Energieträger (‚Scope 1‘) spielen kaum eine Rolle, was eine direkte Konsequenz der bisherigen Anstrengungen zur Verwendung von Fernwärme ist.

Die Aufschlüsselung der THG aus Produkten, Kapitalgütern und Bautätigkeiten in einzelne Warengruppen zeigt, dass neben den Bautätigkeiten (10,5 kt) vor allem Chemikalien, medizinische und Präzisionsgeräte, Möbel, Maschinen und Computertechnologie (IKT, hier aus office machinery und computer zusammengesetzt) zum Scope-3-Fußabdruck der bezogenen Waren, Dienstleistungen und Kapitalgüter beitragen (Abb. 2, umfasst die drei Gruppen ‚Construction‘, ‚Goods and services‘ und ‚Capital goods‘ lt. Abb. 1).

Abbildung 2: Verteilung der Scope-3-THG der beiden Gruppen „goods and services“ and „capital goods“ des Endverbrauchs der Universität Freiburg im Breisgau, 2017, auf einzelne Warengruppen. Quelle: [5]. Die Abbildung umfasst die drei Gruppen ‚Construction‘, ‚Goods and services‘ und ‚Capital goods‘ lt. Abb. 1. Die Abbildung wurde für den Bericht [8] neu angefertigt.

 

Die hier vorliegende erste THG-Bilanz der Uni-Freiburg verwendet nahezu vollständige Daten und standardisierte Methoden. Sie zeigt insbesondere die Relevanz von Scope-3-Emissionen auf und macht deutlich, dass eine Vielzahl von Warengruppen und Aktivitäten zu den indirekten Emissionen in den Scopes 2 und 3 beitragen. Somit wird ein breites Spektrum von Maßnahmen und Anreizen nötig sein, um die THG-Emissionen im Verantwortungsbereich der Universität Freiburg drastisch zu senken.

Die THG-Bilanz gibt eine grobe Übersicht über die mengenmäßig relevanten Warengruppen, denen in einer universitären Klimastrategie eine Schlüsselrolle zukommen muss. Sie listet außerdem eine Reihe kleinerer Beiträge auf, deren Reduktion ebenfalls – nicht mengenmäßig, sondern durch Bewusstseinsbildung und Vorbildwirkung – zu einer nachhaltigen Reduktion der THG-Emissionen beitragen können. Somit kann die Klimabilanz dabei helfen, prioritäre Handlungsfelder zu identifizieren und Debatten zur Nachhaltigkeitstransformation zu steuern.

Durch die THG-Bilanz erfolgt lediglich eine Zuschreibung von Emissionen in der Vorkette zu den von der Endverbraucherin konsumieren Produkten und Dienstleistungen (Fußabdruck-Prinzip). Auf dieser Information aufbauend muss sich eine Debatte um Verantwortlichkeit anschließen, und auch hier gibt das GHG-Protokoll erste Hinweise. Ein wichtiger Entscheidungsprozess wird sich um folgende Frage drehen: Für welche Warengruppen und mit welchen Maßnahmen wird die Universität die eigene Nachfrage managen (Suffizienz und Effizienz) und für welche Gruppen/Kategorien muss auf ‚grüne Beschaffung‘ (also den Bezug tatsächlich klimafreundlicher Produkte und Dienstleistungen) gesetzt werden?

Mehrere laufende oder geplante Maßnahmen tragen dazu bei oder werden dazu beitragen, die THG-Bilanz der Universität Freiburg zu verbessern. Beispielhaft sind hier die breite Verwendung von Recyclingpapier und Mehrwegcontainern in der Chemikalienbeschaffung und Abfallverwertung, der Kältering und die PV-Anlage auf dem Dach der Universitätsbibliothek [9] zu nennen.

Neben diesen Maßnahmen vor Ort muss es in den kommenden Jahren auch darum gehen, die indirekten Emissionen durch den Bezug von Gütern und Dienstleistungen zu reduzieren (Scope-3-THG). Für größere Forschungsvorhaben sind Klimabilanzen bereits Standard [z.B. 10], aber auch im Arbeitsalltag sollten die Klimaauswirkungen von Waren und Dienstleistungen als zusätzliches Kriterium in die Entscheidungsfindung aufgenommen werden. Dadurch können einzelne Tätigkeiten neu gedacht und eventuell klimafreundlich umgestellt werden. Ein Beispiel hierfür ist die Wahl des Verkehrsmittels für Dienstreisen auf kurzer und mittlerer Strecke, wo durch Verzicht auf Autofahrten und Flüge die transportbezogenen THG-Emissionen um 60-80% gesenkt werden können [11].

Der vollständige Bericht [8] mit weiteren Details, der Methodenbeschreibung sowie weitergehenden Handlungsempfehlungen ist hier erhältlich: http://www.blog.industrialecology.uni-freiburg.de/wp-content/uploads/2021/03/Klimabilanz_Uni_Freiburg_IEF_Working_Paper_1_2021.pdf

 

Literatur:

Der Zugriff auf die hier verlinkten Internetseiten erfolgte zwischen dem 28.1.2021 und dem 06.02. 2021.

[1] https://um.baden-wuerttemberg.de/de/ministerium/aufgaben-und-organisation/nachhaltige-landesverwaltung/klimaneutrale-landesverwaltung/

[2] WBCSD, & WRI. (2004). Greenhouse Gas Protocol Initiative: A corporate accounting and reporting standard.

[3] WBCSD, & WRI. (2011). Greenhouse Gas Protocol: Corporate Value Chain (Scope 3) Accounting and Reporting Standard: Supplement to the GHG Protocol Corporate Accounting and Reporting Standard.

[4] Townsend, J., & Barrett, J. (2015). Exploring the applications of carbon footprinting towards sustainability at a UK university: reporting and decision making. Journal of Cleaner Production, 107, 164–176.

[5] Marcel Eichler, 2020: Evaluating Environmental Impacts of University Procurements – An Environmentally Extended Multiregional Input Output Analysis of Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Master-thesis submitted in partial fulfilment of the requirements for the degree of Master of Science Environmental Governance

[6] Benjamín Elizalde Durán, 2019: Evaluating Environmental Impacts in University Campus Operations: An Organizational Life Cycle Assessment (O-LCA) of Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Master-thesis submitted in partial fulfilment of the requirements for the degree of Master of Science Environmental Governance

[7] Andrew Bonneau, 2017: Carbon Accounting of Material and Energy Flows in Campus Organizations: Case Study of the University of Freiburg. Master-thesis submitted in partial fulfilment of the requirements for the degree of Master of Science Environmental Governance

[8] Stefan Pauliuk, Marcel Eichler, Benjamín Elizalde Durán, Andrew Bonneau, Arthur Jakobs, Jürgen Steck und Heiner Schanz (2021). Treibhausgasbilanz der Universität Freiburg im Breisgau 2017. Industrial Ecology Freiburg (IEF) Working Paper 1(2021), Universität Freiburg im Breisgau, DOI 10.6094/UNIFR/176419

http://www.blog.industrialecology.uni-freiburg.de/wp-content/uploads/2021/03/Klimabilanz_Uni_Freiburg_IEF_Working_Paper_1_2021.pdf

[9] https://www.pr.uni-freiburg.de/pm/2014/pm.2014-07-31.80

[10] https://arxiv.org/pdf/2101.02049.pdf

[11] http://www.blog.industrialecology.uni-freiburg.de/index.php/2020/01/02/co2-dienstreisen/

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3 thoughts on “Treibhausgasbilanz der Universität Freiburg im Breisgau 2017

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  2. Brams

    Grundsätzlich ist es natürlich wichtig, auch ökologische Praxis zu hinterfragen und die Suffizienz ist sicherlich die Königsdisziplin aber mit “dafür haben Kunststoffe im modernen Leben zu viele Vorteile” ist der Sache wenig gedient. Atomkraftwerke haben im modernen Leben auch zu viele Vorteile aber die sind böse, da sind sind sich alle einig.

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    1. Stefan Pauliuk Post author

      Hallo Brams,

      vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Ich glaube, der gehört zu einem anderen Blogeintrag, dem über Kunststoffe vom Januar 21. Kannst Du ihn da bitte nochmal einstellen? Dann würde ich den dann akzeptieren und den hier löschen. Viele Grüße,
      Stefan

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